MULTI Aufzugssystem – erster Aufzug ohne Seil

Bei unseren Aufzügen hat sich seit der Entwicklung vor 160 Jahren nicht sehr viel getan. ThyssenKrupp Elevator hat nun ein ganz neues Aufzugskonzept vorgestellt – das MULTI Aufzugssystem. Die revolutionäre Entwicklung soll Ende 2016 im neu errichteten Testturm für Aufzüge in Rottweil, Baden-Württemberg zur Marktreife gebracht werden.

MULTI-Aufzugssystem von ThyssenKrupp Elevator
MULTI-Aufzugssystem von ThyssenKrupp Elevator (Quelle: ThyssenKrupp)

Mehrere, unabhängig voneinander fahrende Kabinen in einem Schacht

Studenten der Columbia Universität haben in einer wissenschaftlichen Studie herausgefunden, dass Büroangestellte der Millionenstadt New York im Jahr 2010 zusammen gerechnet 16,6 Jahre auf einen Aufzug warteten. Insgesamt 5,9 Jahre haben sie in jenem Jahr im Aufzug verbracht. Statistiken, die regelrecht nach einer Revolution in der Aufzugsbranche schreien.

Ein herkömmlicher Aufzug wird in einem Schacht über Seile geführt. Dort bewegt er sich je nach Bedarf auf- und abwärts. Aufgrund der Konstruktionsweise ist ein solcher Aufzug in seiner Höhe beschränkt. Deshalb werden oft mehrere Aufzugsschächte und oft auch noch zusätzlich Rolltreppen benötigt, um größere Höhen überwinden zu können.

Das MULTI-System hingegen hat mit einem herkömmlichen Aufzugssystem nicht mehr viel gemein. Hierbei handelt es sich um ein System, wo die Aufzüge sowohl vertikal als auch horizontal fahren können. Das Prinzip ähnelt dabei dem eines Paternosters. Die Fahrtrichtungsänderung geschieht über ein Transfersystem.

MULTI Transfersystem für die Kabinen
MULTI Transfersystem für die Kabinen (Quelle: ThyssenKrupp)

In einem Schacht fahren unabhängig voneinander gleich mehrere Kabinen. Jede einzelne Kabine besitzt einen eigenständigen Linearantrieb. Das Know-how kommt dabei vom Transrapid. ThyssenKrupp hat bei der Magnetschwebebahn mitgewirkt und möchte nun auch beweisen, dass der Technologietransfer zwischen verschiedenen Sparten klappen kann.

Die notwendige Energie für die Linarantriebe der Aufzugskabinen wird berührungslos übertragen (IPT – Inductive Power Transfer). Für die Sicherheit ist natürlich auch gesorgt. Hierbei soll ein mehrstufiges Bremssystem zum Einsatz kommen, welches auch schon bei der etablierten TWIN-Aufzugstechnologie von ThyssenKrupp Elevator eingesetzt wird.

Vorteile vom MULTI-Aufzugssystem

  • geringere Wartezeiten: MULTI ist ein umlaufendes Aufzugssystem. Die Kabinen vollziehen also ununterbrochen (wenn im Betrieb) einen Kreislauf. Dabei fahren sie nicht nur vertikal, sondern auch horizontal. Bei einer Geschwindigkeit von 5 m/s ist gewährleistet, dass alle 15-30 Sekunden eine Kabine vorbeikommt.
  • effizientere Aufzüge: Durch die Technologie kann die Beförderungskapazität um 50% erhöht werden. Gleichzeitig reduziert sich dabei der Platzbedarf um den gleichen Anteil.
  • Vorteile für Hauseigentümer: Ein positiver Effekt für die Gebäude ist dabei, dass die Nutz- und Wohnfläche um 25% erhöht werden kann. Hauseigentümer werden sich über Mehreinnahmen bei der Miete freuen.
  • weniger Schächte werden benötigt: MULTI ist für Hochhäuser ab einer Höhe von 300 m geeignet. Im Gegensatz zu herkömmlichen Aufzugssystemen werden beim MULTI-System weniger Schächte benötigt.
  • neue architektonische Gebäude möglich: Durch die Möglichkeit, nicht nur vertikal, sondern auch horizontal zu verfahren, können bisher ungeahnte Gebäude errichtet werden.

Testturm in Rottweil

Noch ist MULTI nicht ausgereift. Es besteht aktuell nur die Vision einer revolutionären Technologie ini der Aufzugsindustrie. Die Ingenieure und Techniker sind jedoch dabei, die Vision in die Realität umzusetzen. Und so soll Ende 2016 der erste Prototyp im dann fertig erstellten Testturm für Aufzüge in Rottweil, Baden-Württemberg getestet werden.

Dort soll er auch zur Marktreife gebracht werden.

Testturm für Aufzüge in Rottweil
Testturm für Aufzüge in Rottweil (Quelle: aufzugsturm-rottweil.de)

Der Testturm in Rottweil von den Architekt Helmut Jahn und Werner Sobek soll mit einem Durchmesser von 21m und einer Höhe von 244m eines der höchsten Gebäude Deutschlands werden.

Innerhalb des Turms sollen sich nach Fertigstellung insgesamt 11 Aufzugsschächte befinden. In diesen können Aufzüge mit einer Geschwindigkeit von bis zu 18 m/s unter Realbedingungen getestet werden.

Über Stefan Reinsprecht 148 Artikel

Hi, ich bin Stefan Reinsprecht, der Herausgeber von Netzkonstrukteur. Als Maschinenbauingenieur mit jahrelanger Erfahrung in der Konstruktion und Entwicklung interessiere ich mich sehr für technische Dinge. Hier erfährst Du Neuigkeiten, aber auch Grundlagen. Viel Spaß beim Lesen.
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1 Kommentar

  1. Schöne neue (Schein)Welt von Thyssen_Krupp

    Der genannte Hersteller schafft seit Jahren tolle Namen für mehr oder weniger Schrottanlagen – Spirit, Evolution, People-Mover… .
    Dahinter steht der hilflose Versuch, einen einigermaßen vernünftigen Aufzug mit einer vertretbaren Halbwertszeit zu konstruieren.
    Leider sind alle bisherigen Versuche dieser Art sind seit 2000 gescheitert.

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